ALEX DIAMOND'S BARN DANCE
[english version below]
Alex Diamond's Barn Dance
Dichtes Gedränge, entrücktes Tanzen, ausgelassenes Feiern, ein verwirrendes Wimmeln merkwürdiger Gestalten, Tiere und Fabelwesen. Landschaftsbilder einer vom Menschen agrarisch angefassten Natur: weite Felder, roter Boden („Red Dirt" als Metapher für Bodenständigkeit, bescheidene Herkunft, harte Arbeit), entferntes Grün, das je nach Bild Wälder, Berge oder auch mal Wasser darstellt, und Horizonte, die Sehnsüchte wecken. Das sind die Kernelemente der neuen Werkserie von Alex Diamond.
Sie erinnern bewusst an die Massenszenen von Hieronymus Bosch und Pieter Bruegel, stehen aber der nordischen Renaissance Bruegels näher in ihrer moralisch-satirischen, oft gesellschaftskritischen Darstellung des Alltagslebens der (Land-)bevölkerung, übertragen als Sinnbilder unserer gegenwärtig auseinanderdriftenden Gesellschaft.
Allen Bildern gemein ist das Tanzen, was sich auch in den Titeln wiederfindet. Tanz als gemeinsamer Akt, als Paarung, als Ritual, als Kampf, schweißtreibend und wild, elegant und rhythmisch, verbunden mit der Hoffnung der Annäherung und Aussöhnung. Doch es wird ja nicht nur getanzt in den Bildern … da kommen auch schonmal Hooligans aus dem Wald angerannt, irritieren Fabelwesen, es wird gesoffen und randaliert, geerntet und gepennt, mal versammelt sich ein schwarzer Konvent in der Scheune, in der bei Bruegel noch unschuldig geschlemmt und getafelt wurde. Und vieles mehr.
Die Bilder sind wie üblich in der einzigartigen Technik des Künstlers gefertigt, die seit über zehn Jahren zum Markenzeichen Alex Diamonds geworden ist: (meist) selbst getischlerte Holzträger, auf die die Szenen zunächst gemalt werden, bevor dann mit schmalen Schnitzwerkzeugen tausende feinster Linien die Farbe und das Holz aufbrechen und Details und Stimmungen hervorheben.
Eine Arbeit ragt heraus: ein Altarbild, 140 x 200 cm groß, ein Triptychon mit Flügeltüren, das geschlossen zwar ein „typischer Diamond" ist, aber erst geöffnet dem Thema der Ausstellung treu wird.
„Alex Diamond's Barn Dance" bei Feinkunst Krüger steht symbolisch für das Einfahren der Ernte: die Werkserie ist abgeschlossen, die Vernissage ist quasi das Erntedankfest. Immer schon wurde zu diesem Anlass gefeiert und getanzt. Bei Bruegel noch im Freien, ab dem 18. Jahrhundert dann vor allem in England und den nordamerikanischen Kolonien/den USA in der Scheune. Denn nach der Ernte stand diese leer und bot – anders als die meist enge Bauernstube – genug freien Raum für viele Tänzer und Musik.
VANDALS! Die Skulpturen
Diesen Raum allerdings teilen sich die Besucher der Ausstellung bei Feinkunst Krüger mit den zusätzlich zu der eigentlichen Werkserie gezeigten „Vandals": Skulpturen, die der Künstler mit der Kettensäge aus Baumstämmen schält und die die stark reduzierten Figuren, die Alex Diamond seit Jahrzehnten immer wieder in sein Werk integriert, ins Dreidimensionale bringen.
Begonnen hat alles damit, dass eine hoch gewachsene Birke, die zu dicht am Fachwerkhaus des Künstlers und seiner Familie im schleswig-holsteinischen Wagersrott (Angeln) stand, gefällt werden musste - aus ihr schuf Alex Diamond 2025 die ersten neun Vandalen, mit der gleichen Kettensäge, die den Baum zerlegte.
Beim Erarbeiten der Skulpturen gibt das Holz die Richtung vor, mit der Säge werden Nuancen des Stammes hervorgeholt, die schliesslich über Blickrichtung, Ausdruck, Haltung und Bedeutung der Figuren entscheiden. Winkelschleifer und Schleifgerät runden Ecken und Kanten ab, arbeiten die Strukturen des Holzes heraus, glätten die Oberfläche, bevor sie mit Spiritusbeize eingefärbt wird. Unterschiede in Haptik und Optik ergeben sich auch aus den Baumsorten - es finden sich Eiche, Buche, Kirsche und in den ganz kleinen Skulpturen noch ein wenig Birke aus der Spitze des Ursprungsbaums.
Stimmig ist, dass das verwendete Holz ausschließlich von Bäumen aus dem unmittelbaren Umfeld des ländlichen Ateliers von Alex Diamond stammt, was wiederum den „Red Dirt"-Gedanken betont, der sich bereits wie ein roter Faden durch die Serie der Holzschnitte zieht.
„Vandals" heißen die Skulpturen, die jeweils eine Nummer tragen in der Reihenfolge ihrer Entstehung, übrigens schlichtweg aufgrund des brachialen, lauten, kraftzehrenden Entstehungsprozesses. Wer schon einmal mit einer Kettensäge gearbeitet hat, versteht warum.
Im Basement: Re-Canvas und Füllerzeichnungen
Ein ganz anderes Bild zeigt sich im Keller der Galerie. Hier zeigt Alex Diamond Malerei und Zeichnung.
Ursprünglich von der Malerei kommend, hat sich Alex Diamond 2010 fast vollständig seinen Holzbildern zugewandt. Diese sind durch ihre Verarbeitung endgültig - was einmal aus dem Holz geschnitten wurde, lässt sich nicht überarbeiten oder wieder zusammenfügen. Malerei ist da wesentlich verzeihender. Flexibler. Korrekturfreudig. Erweiterbar, veränderbar. Das zeigt uns der Künstler in diesem abgeschlossenen Raum: „Re-Canvas" sind Reinkarnationen älterer Werke aus der Einzelausstellung „It's all good" in der Barlach Halle K in Hamburg (2022) sowie aus der Gruppenausstellung „Back to the Future" im Winter des gleichen Jahres.
Unter Künstlern ist es umstritten, ob man die eigenen, älteren Arbeiten übermalen soll oder nicht. Für Alex Diamond war dies schon immer eine Option - in seinen Augen handelt es sich auch nicht um Übermalungen, sondern Überlagerungen. Das ursprüngliche Werk ist ja noch vorhanden und teilweise auch noch sichtbar. Die Leinwand wird schwerer, gewichtiger, an Inhalt und Auftrag; es ist keine Zerstörung des vorherigen Bildes, sondern eine Entwicklung.
„Die Leinwand bleibt für mich ein Untergrund oder eine Bühne, bis ich das Gefühl habe, die Geschichte zu Ende erzählt zu haben. Doch solange die Bilder im Atelier bleiben, oder dorthin zurückkehren, kann es immer wieder auch passieren, dass weitere Kapitel hinzukommen." (Alex Diamond)
Begleitet werden die Leinwände von neuen, kleinen Füllerzeichnungen auf Papier, die der Künstler immer unabhängig vom Hauptwerk anfertigt. Schnell hingehuschte figurative Statements, meist begleitet von ein paar Worten, manchmal humorvoll, manchmal romantisch, häufig politisch, oft wütend … diese Zeichnungen entstehen nebenbei, im Alltag, einfach so. Ende 2024 erschien ein Buch mit 500 dieser Zeichnungen im Gudberg Nerger Verlag, mit dem Titel: „Good Job".
Hintergrund
„Alex Diamond's Barn Dance" ist, wie zuvor beschrieben, eine eigens für die Ausstellung bei Feinkunst Krüger thematisch entwickelte Werkserie. Wer sich mit der Arbeit des Künstlers der vergangenen Jahrzehnte beschäftigt, erkennt, dass seine Einzelausstellungen stets eigenständige Serien umfassen. Von „Alex Diamond's Strange Sofa" 2004 bis zu „they all must be slaughtered" 2023 sind diese Ausstellungen nicht nur inhaltlich, sondern auch in der Umsetzung konzeptionell voneinander unabhängig. Zwar lassen sie die Stimme des Autors erkennen, aber sie erzählen immer eine in sich geschlossene Geschichte.
Alex Diamond versteht sich daher auch vorrangig als Geschichtenerzähler. Der Hauptteil seiner Arbeit besteht in der Analyse und Interpretation von Gegenwartskultur und ihrer wiederkehrenden Erkennungsmuster. Der künstlerische Fokus liegt dabei auf dem Studium der gesellschaftlichen und kulturellen Aspekte des menschlichen Zusammenlebens.
Es ist immer auch politisches und gesellschaftliches Unbehagen im Werk von Alex Diamond zu spüren. Als Künstler nimmt er die Verantwortung an, sich zu drängenden Themen unserer Zeit mit seinen Mitteln zu äußern. Da ist eine große Wut zu spüren, aber auch Hoffnung und Aufmunterung zur Veränderung. Allerdings steht diese inhaltliche Tiefe eben nicht im ästhetischen und damit sichtbaren Vordergrund, sondern entwickelt sich wie ein guter Song durch das Einlassen auf Melodie und Rhythmus, Harmonie und Disharmonie, Text und Stimme.
Alex Diamond wurde von Jörg Heikhaus im Jahr 2004 als Kunstprojekt ins Leben gerufen. Obgleich das ursprüngliche Projekt seit vielen Jahren abgeschlossen ist, etablierte sich Alex Diamond als sein Künstlername.
VITA
Jörg Heikhaus wurde 1967 in Köln geboren. Nach dem durchschnittlichen Schulabschluss (mit einer 4 im Kunst-Leistungskurs) hat Jörg es erfolgreich vermieden, eine ordentliche Ausbildung zu machen und hat stattdessen gemalt, gezeichnet und in unglaublich vielen verschiedenen Jobs gearbeitet: im Handwerk, in einer Brauerei, in einer Eisen-Fabrik, als Musik-Fotograf, als Band-Manager, als Journalist, als Grafiker; er hat Mitte der 90er eine Agentur gegründet und war in der deutschen Medienlandschaft sogar mal wichtig genug für Interviews im Handelsblatt.
Immer aber war die Kunst Triebkraft und Ziel. Anfang 2000 hat er in seinem kleinen Atelier im Hamburger Schanzenviertel begonnen, neben seiner eigenen künstlerischen Praxis mit dem „heliumcowboy artspace" auch Ausstellungen mit anderen Künstlern zu machen und war international damit ziemlich erfolgreich (der Rest ist Geschichte). Seit vielen Jahren führt sein Sohn Melvin alleinverantwortlich die Galerie (inzwischen unter dem Namen MEGA contemporary) weiter, und Jörg (alias Alex Diamond) macht ausschließlich Kunst, abwechselnd in seinem Studio mit Tischlerei in der Hamburger Neustadt oder in Wagersrott, auf einem entlegenen Stück Land mit einem fast 200 Jahre alten Fachwerkhaus, das er seit 2018 mit seiner Familie in der Einsamkeit Norddeutschlands liebevoll restauriert.
www.alexdiamond.de
www.instagram.com/alexxxdiamond
Alex Diamond's Barn Dance
Dense crowds, entranced dancing, unrestrained celebration, a bewildering swarm of strange figures, animals and fabulous creatures. Landscape scenes of a nature shaped by human agriculture: wide fields, red soil ("Red Dirt" as a metaphor for groundedness, humble origins, hard work), distant green that, depending on the picture, represents forests, mountains or sometimes water, and horizons that awaken longing. These are the core elements of Alex Diamond's new series of works.
They deliberately recall the mass scenes of Hieronymus Bosch and Pieter Bruegel, but stand closer to the Northern Renaissance of Bruegel in their morally satirical, often socially critical depiction of the everyday life of the (rural) population, translated into symbols of our currently diverging society.
What all the pictures share is dancing, which is also reflected in the titles. Dance as a communal act, as pairing, as ritual, as struggle — sweaty and wild, elegant and rhythmic, bound up with the hope of rapprochement and reconciliation. But dancing isn't all that happens in these pictures... sometimes hooligans come running out of the forest, fabulous creatures cause disturbances, there is drinking and rioting, harvesting and napping, at times a dark convent gathers in the barn where, in Bruegel, people once innocently feasted and dined. And much more besides.
As always, the pictures are made using the artist's unique technique, which has become Alex Diamond's trademark for over ten years: (usually) self-built wooden panels, onto which the scenes are first painted before thousands of the finest lines are carved with narrow tools, breaking open the paint and the wood to bring out details and moods.
One work stands out: an altarpiece, 140 x 200 cm, a triptych with folding wings that, closed, is a "typical Diamond," but only becomes true to the exhibition's theme once opened.
"Alex Diamond's Barn Dance" at Feinkunst Krüger symbolically represents bringing in the harvest: the series of works is complete, and the opening is essentially the harvest festival. This occasion has always been marked with celebration and dance — with Bruegel still out in the open, then from the 18th century onward primarily in England and the North American colonies/the USA, in the barn. Because after the harvest the barn stood empty and offered — unlike the usually cramped farmhouse parlor — enough open space for many dancers and music.
Vandals! The Sculptures
This space, however, is shared by visitors to the exhibition at Feinkunst Krüger with the "Vandals," shown alongside the actual series of works: sculptures that the artist peels from tree trunks with a chainsaw, bringing the strongly reduced figures that Alex Diamond has repeatedly integrated into his work for decades into three dimensions.
It all began when a tall birch tree standing too close to the half-timbered house of the artist and his family in Wagersrott (Angeln), Schleswig-Holstein, had to be felled — from it, in 2025, Alex Diamond created the first nine Vandals, using the very same chainsaw that had cut down the tree.
In developing the sculptures, the wood sets the direction; the saw brings out nuances of the trunk that ultimately determine the figures' gaze, expression, posture and meaning. An angle grinder and sander round off corners and edges, bring out the structures of the wood, and smooth the surface before it is colored with spirit stain. Differences in feel and appearance also arise from the types of tree used — there is oak, beech, cherry, and in the very smallest sculptures, a bit of birch from the tip of the original tree.
It fits that the wood used comes exclusively from trees in the immediate surroundings of Alex Diamond's rural studio, which in turn reinforces the "Red Dirt" idea that already runs like a red thread through the series of woodcuts.
The sculptures are called "Vandals," each bearing a number according to the order in which it was created — simply because of the brutal, loud, exhausting process of their creation, incidentally. Anyone who has ever worked with a chainsaw will understand why.
In the Basement: Re-Canvas and Fountain pen Drawings
A very different picture emerges in the gallery's basement. Here, Alex Diamond shows painting and drawing.
Originally coming from painting, Alex Diamond turned almost entirely to his wood pictures in 2010. These are final by nature of their process — what has once been cut from the wood cannot be reworked or put back together. Painting, by contrast, is far more forgiving. More flexible. Open to correction. Extendable, changeable. The artist shows us this in this self-contained room: "Re-Canvas" are reincarnations of older works from the solo exhibition "It's all good" at Barlach Halle K in Hamburg (2022) as well as from the group exhibition "Back to the Future" in the winter of the same year.
Among artists it is a matter of debate whether one should paint over one's own older works or not. For Alex Diamond, this has always been an option — in his view, these are not overpaintings but rather overlays. The original work is, after all, still present and in some cases still visible. The canvas becomes heavier, weightier, in content and in commitment; it is not a destruction of the previous picture but a development.
"For me, the canvas remains a surface or a stage until I feel I have finished telling the story. But as long as the pictures stay in the studio, or return to it, it can always happen that further chapters are added." (Alex Diamond)
The canvases are accompanied by new, small fountain pen drawings on paper, which the artist always creates independently of the main body of work. Quickly dashed-off figurative statements, usually accompanied by a few words — sometimes humorous, sometimes romantic, often political, frequently angry... these drawings emerge on the side, in everyday life, just like that. At the end of 2024, a book with 500 of these drawings was published by Gudberg Nerger Verlag, titled: "Good Job."
Background
As described above, "Alex Diamond's Barn Dance" is a series of works developed specifically and thematically for the exhibition at Feinkunst Krüger. Anyone who engages with the artist's work over the past decades will recognize that his solo exhibitions always comprise self-contained series. From "Alex Diamond's Strange Sofa" in 2004 to "they all must be slaughtered" in 2023, these exhibitions are conceptually independent of one another, not only in content but also in execution. Although they reveal the author's voice, they always tell a self-contained story.
Alex Diamond therefore also sees himself primarily as a storyteller. The main part of his work consists of analyzing and interpreting contemporary culture and its recurring patterns of recognition. The artistic focus lies in the study of the social and cultural aspects of human coexistence.
There is always a sense of political and social unease in Alex Diamond's work. As an artist, he takes on the responsibility of speaking out on the pressing issues of our time using his own means. There is a great anger to be felt, but also hope and encouragement toward change. However, this depth of content does not stand in the aesthetic — and thus visible — foreground; rather, it develops the way a good song does, through engagement with melody and rhythm, harmony and dissonance, lyrics and voice.
Alex Diamond was brought to life by Jörg Heikhaus in 2004 as an art project. Although the original project has long since concluded, Alex Diamond established itself as his artist name.
BIOGRAPHY
Jörg Heikhaus was born in Cologne in 1967. After an average school-leaving certificate (with a grade of 4 — "sufficient" — in his advanced art course), Jörg successfully avoided undertaking any proper training and instead painted, drew, and worked in an unbelievable number of different jobs: in the trades, in a brewery, in an iron factory, as a music photographer, as a band manager, as a journalist, as a graphic designer; in the mid-90s he founded an agency and was even important enough within the German media landscape to be interviewed by Handelsblatt.
But art was always the driving force and the goal. In the early 2000s, in his small studio in Hamburg's Schanzenviertel, he began — alongside his own artistic practice — putting on exhibitions with other artists under the name "heliumcowboy artspace," and was quite successful with it internationally (the rest is history). For many years now, his son Melvin has run the gallery independently (now under the name MEGA contemporary), while Jörg (alias Alex Diamond) devotes himself exclusively to art, working alternately in his studio with a joinery workshop in Hamburg-Neustadt or in Wagersrott, on a remote piece of land with an almost 200-year-old half-timbered house that he has been lovingly restoring with his family since 2018, in the solitude of northern Germany.
